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Demokratie vs. Mehrheitsdiktatur

Judith Liban
21. Aug.
3 Min. Lesezeit

So umkämpft wie der Demokratiebegriff ist, so unterschiedlich sind die Verständnisse und Vorstellungen dessen, was sich dahinter verbirgt. Mit einem sich stark haltendem Mythos wollen wir hier einmal ins Gericht gehen: All zu oft wird suggeriert, unter dem Deckmantel einer vermeintlichen Demokratie, dass der Wille der „Mehrheit“ entscheidend und handlungsleitend sein soll. Eine Abstimmung, die mehrheitlich entschieden wird, gilt dann als demokratisch.

Aber wird etwas richtiger, nur weil viele Menschen es machen, wollen oder fordern?


Eye-level view of a community gathering in a park

Ist etwas weniger wichtig oder relevant, nur weil es wenige Personen bemerkt haben, auf Missstände aufmerksam machen oder für bestimmte Themen einstehen?

Wenn viele Menschen rauchen, wird es davon nicht gesünder.

Und wenn nur weniger Menschen sich im Verein Pro Krankenhaus Havelberg für einen medizinischen Standort bei uns in der Domstadt engagieren, wird es dadurch nicht weniger wichtig. Ganz im Gegenteil, diese wenigen Menschen behalten die medizinische Versorgung, die jedem einzelnen von uns zu Gute kommt, tatkräftig und fest im Auge.


Den Blick auf Minderheiten nicht verlieren

Die geburtenschwächeren Jahrgänge sind auch in der Bambini-Mannschaft des SV Germania Klietz zu spüren. In der letzten Saison machten wir regelmäßig Training mit drei sehr motivierten Fussballkids. Hier verschwenden wir keinen einzigen Gedanken daran, wegen einer geringen Anzahl dieses Training für die Bambinis nicht mehr anzubieten und uns auf zahlenmäßig stärkere Jahrgänge zu konzentrieren.


Glücklicherweise traf der Landkreis Stendal 2024 eine ähnliche Entscheidung und sicherte die finanzielle Unterstützung für die mobile Jugendarbeit in Havelberg und im Elb-Havelland. Darüber hinaus kam Mitte August die Sozialministerin Petra Grimm-Benne (SPD) höchstpersönlich zur Übergabe der Fördermittel von 150.000 € für das Jugendzentrum in Havelberg.


In der Gemeinde Kamern leben 92 Menschen im Alter von 6-14 Jahren. 892 von insgesamt 1150 Menschen, die dieser Gemeinde angehören, sind im Alter von 35 bis über 85 Jahren. Unabhängig davon, dass die Mehrheit der Einwohner nicht mehr jugendlich ist, zweifelt niemand an der Notwendigkeit und Daseinsberechtigung des Jugendclubs, zu Recht!


Die hervorragende Arbeit in Form der kinder- und jugendrelevanten Angebote der Jugendclubs nicht nur in Kamern, auch unter anderem in Klietz, Neuermark-Lübars und Havelberg ist ein enormer Mehrwert für die gesamte Region. Hier wird ganz bewusst eine „Minderheit“, die Jugendlichen, strukturell unterstützt, ihren Belangen Gehör geschenkt und Aufmerksamkeit gewidmet.

Gemeinschaft ist keine Frage der Größe

Auch besonders kleine Orte und Kirchgemeinden unserer Heimat werden nicht vergessen und sogar zum Austragungsort eines Events mit Leuchtturmcharakter: Am 11.10.2026 starten aus Garz, Molkenberg und Kamern Menschen auf dem Rad, zu Fuß über die Berge oder aber, unter Rücksichtnahme auf Mobilitätseinschränkungen, auch im Shuttle, um sich zu einem gemeinsamen Mittagessen, Begegnung auf Augenhöhe und anschließendem Gottesdienst im beschaulichen Rehberg zu treffen. Mehrere kleine als auch größere Gemeinden machen sich wertschätzend auf den Weg, schließen sich zusammen und feiern die Gemeinschaft.


Qualität statt Quantität?

Wie wäre es also, eher nach Qualitäten als nach Quantitäten zu fragen? Die Demokratie misst sich an ihrem Umgang mit den Minderheiten. Das heißt, wie demokratisch sich eine Gesellschaft aufstellt, zeigt sich daran, wie sie mit den Anliegen und Themen von Menschen umgeht, die nicht mehrheitlich vertreten sind. Werden die Belange von Menschen, die zahlenmäßig unterlegen sind, dennoch als wichtig und relevant anerkannt? Oder finden nur die lautesten Stimmen aus einer breiten Masse Gehör? Ein anerkennender und solidarischer Umgang mit Minderheiten ist ein Garant, wenn nicht sogar der Inbegriff einer demokratischen Gesellschaft.


Die leisen Stimmen hören

Ich wünsche mir für unsere Region, dass wir unseren Blick und unser Gehör schärfen für die leisen, weniger vertretenen Stimmen. Dass sich Mehrheiten schützend vor die Anliegen sogenannter Minderheiten stellen und sie auf die Agenda setzen. Dass wir uns nicht von lauten Stimmen, die nach einer Alleinregierung schreien, in eine Richtung ziehen lassen, die weder unseren Werten noch der auf Gemeinschaft ausgelegten Ausrichtung unserer Heimat entspricht.

Dass wir uns mit unserem breiten solidarischen Potenzial auf den Weg machen, Menschen zu erreichen, die sich schon lang ungesehen fühlen.

 
 
 

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