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Warum die AfD im Osten nicht gewinnen wird.

Robert Grzywotz
29. Aug.
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 30. Aug.

Eine zynische Abhandlung von Robert Grzywotz.


Eye-level view of a community gathering in a park

Wir sind doch nicht blöd!

Ja, es ist vieles nicht zum Besten bestellt bei uns.

Ja, wir sind oft die Schlusslichter und Sorgenkinder der Bundesrepublik.

Na klar, auch mit ganz Deutschland scheint es bergab zu gehen.

Und was die Politik in Berlin macht, ist manchmal zum fremdschämen und geht an uns vorbei.

In die weite Welt braucht man erst gar nicht zu blicken: Kriege und Krisen wo man nur hinschaut.

ABER

Sollen das die Gründe sein, um das, was wir haben, aufzugeben und kaputtzumachen?

Ja, liebe Wessis, manchmal – oder gerade jetzt – bekommt ihr ganz schön Angst vor den Ossis.

„Sind die total bescheuert? Wollen die allen Ernstes eine rechtsextreme Partei wählen?“

Wir sind doch nicht blöd.

Aber manchmal macht es schon Spaß, ein wenig Aufmerksamkeit von euch zu bekommen. Und es der Berliner Politik mal so richtig zu zeigen: Es geht auch anders!

ABER

Wir schießen uns natürlich nicht selbst ins Knie, so blöd sind wir nicht.

Welcher Ossi will denn ernsthaft, dass die Förderung von Frauen eingestellt wird. Sind oder haben wir nicht alle Frauen, Mütter oder Töchter?


Und, na klar ist die Familie Mittelpunkt unserer Gesellschaft. Ob nun mit oder ohne AfD. Aber deswegen alle alternativen Formen des Zusammenlebens verteufeln? Bei unserer gelebten Vielfalt an Lebensentwürfen gäbe es dann ganz schön viele Teufel.


All dies soll dem Ziel dienen, den Fortbestand unseres Volkes zu sichern. Man darf also gespannt sein, ob alle potentiellen AfD-Wähler schon mindestens 3 bis 4 Kinder haben, oder bald haben werden, wenn ihnen das so am Herzen liegt. Denn, um uns zu vermehren MUSS jede deutsche Familie mindestens 3 Kinder bekommen, sonst werden wir einfach nicht mehr.


Doch gibt es eine einfache Lösung, um unser Reproduktionstempo anzukurbeln: durch einen Runderlass soll sichergestellt werden, dass von offizieller Seite keine Regenbogenfahnen mehr gezeigt werden dürfen. Also kurz gesagt: Regenbogen=keine echte Familie=keine Kinder. Kein Regenbogen=Familie=Kinder.


Fahnen raus und mitsingen?

Anstelle von Regenbogenfahnen soll an allen Schulen an jedem Schultag die Bundesflagge gehisst und zu feierlichen Anlässen die Nationalhymne gesungen werden. Tut mir leid liebe AfD, spätestens jetzt rollen sich jedem Ossi die Fußnägel hoch: Wir haben Fahnenappelle und Maidemonstrationen erlebt. Wir kennen das Gefühl nur zu gut, unter Fahnen stramm zu stehen und Lieder singen zu müssen.

Weil die großen Mehrkindfamilien dann bald so richtig gut funktionieren, will die AfD alle Schulsozialarbeiter abschaffen oder Organisationen die Förderung entziehen, die sich genau um die Menschen kümmern, die die größten Probleme haben.


Aber vielleicht hat ja niemand mehr Probleme, sollte die AfD regieren, denn durch die „deutsch-denken-Kampagne“ geht es uns sowieso gleich besser. Es ist schon nett von der AfD, dass sie uns Ossis zeigen möchte, wie man richtig „deutsch denkt“. So was ähnliches, wenn auch eher rot statt braun eingefärbt, hat schon die SED und die Stasi mit uns probiert, und da sind wir auch nicht drauf reingefallen.


Brauchen wir einen Pass, um stolz zu sein?


Mit der Einführung des „Stolz-Passes“ dürfen wir dann alle (sofern wir klassische Familien mit Kindern sind) umsonst in alle Museen, Burgen und Schlösser, ob wir wollen oder nicht. Aber vielleicht brauchen wir auch gar keinen Stolz-Pass, der uns sagt, worauf wir ab jetzt stolz sein sollen. Vielleicht sind wir eh schon stolz auf unser Dorf, unseren Verein oder darauf Ossi zu sein, weil wir es geschafft haben, eine Diktatur friedlich in die Knie zu zwingen.


„Wenn die Schulen die Kinder nicht mehr zu Patriotismus erziehen, ist unser Gemeinwesen dem Untergang geweiht.“ (aus dem Regierungsprogramm der AfD für Sachsen-Anhalt)

Schulen als Erziehungsanstalten - auch das kennen wir Ossis nur zu gut und haben keine guten Erinnerungen an staatlich erzwungenen Gemeinsinn. Und „Untergang“ ist geradezu beleidigend und anmaßen, wenn man sieht, was gerade bei uns auf dem platten Land an regionaler Initiative, an Vereinsleben, an kulturellen Angeboten vorhanden ist, dass man manchmal gar nicht weiß, wo man zuerst hingehen soll.


Was passiert mit denen, die nicht mitmachen?


Damit das alles in Schule und Gesellschaft konsequent durchgesetzt werden kann, sollen Lehrer, die sich nicht an die neuen Maßgaben halten, von Schülern und Eltern beim Bildungsministerium angezeigt werden. Das ist natürlich richtig: wenn man schon Dinge einführt, um das Volk in Gleichschritt zu zwingen, muss man auch Instrumente schaffen, dies auch durchzusetzen. Und da ist das Schüren von Misstrauen und eine Kultur der Denunziation ein wirkungsvolles Mittel, immer wieder gern eingesetzt von autoritären, diktatorischen Regimen.


Damit unsere supermotivierten biodeutschen Schüler endlich wieder mit hohem Tempo voranschreiten können, ist es natürlich notwendig, alle Störfaktoren wie Kinder mit Lernschwierigkeiten oder Kinder mit Behinderungen oder Kinder mit Migrationshintergrund auszusortieren, um diese in Sonderklassen oder Sonderschulen unterzubringen. Wahrscheinlich lernen Kinder mit Migrationshintergrund dann noch schneller Deutsch und können sich noch besser integrieren.


Und wer macht dann eigentlich die Arbeit?

Apropos Menschen mit Migrationshintergrund: offenbar will man wohl verhindern, dass diese die Möglichkeit haben, sich zu integrieren, denn die AfD sagt ja ganz klar, wer Schuld ist: Schuld an der Wirtschaftskrise, Schuld an der Bildungsmisere, Schuld am Klimawandel, einfach Schuld an allem: Genau! Menschen mit Migrationshintergrund.


Um diese endlich loszuwerden, hat die AfD verschiedene Ideen: Beendigung von Massenimmigration, Abschiebung und Remigration. Also wie in den USA. Wir mauern uns ein und gründen so was wie ICE (die Truppe, die mit Waffengewalt Menschen ohne Verwarnung oder gerichtlichen Beschluss von ihren Familien trennen und aus dem Land werfen) und kümmern uns nur noch um uns selbst.


Jetzt mal im Ernst: will sich wirklich jemand darüber beschweren, dass Stellen im Lieferservice, in der Reinigung, in der Pflege, ja sogar bei den paar Fachärzten, die wir noch haben, von Menschen mit Migrationshintergrund besetzt sind? Was, wenn sie morgen alle weg sind? Wer liefert mein Amazon-Päckchen bis morgen früh vor meine Haustür? Wer putzt mein Büro? Muss ich meinen bettlägerigen Vater jetzt selbst waschen und füttern? Und zur Darmspiegelung fahre ich fortan nach Berlin. Nach über einem Jahr Wartezeit.


Das will doch keiner. Wir sind doch nicht blöd.


Also vielleicht besser doch Integration, aber richtig:

„Angesichts der verkorksten und unattraktiven Identität, wie sie die Altparteien vorleben, kann man den Ausländern kaum verübeln, dass sie sich darin nicht integrieren wollen. Welcher vernünftige und stabile Türke oder Syrer will denn zu einem von Selbsthass geplagten, zerknirschten Regenbogen-Deutschen werden? Allein die AfD kann den Ausländern eine deutsche Identität vorleben, die attraktiv ist und Lust macht, daran Teil zu haben.“ (aus dem Regierungsprogramm der AfD für Sachsen-Anhalt)

Genau! Großartig! Besser geht’s nicht!

Und wenn wir dann alle den Stolz-Pass haben, alle Vereine und Organisationen die Patriotismus-Klausel unterschrieben haben und alle Menschen mit Migrationshintergrund weg sind, wir raus sind aus der EU und die D-Mark wiedereingeführt haben, dann können wir endlich wieder stolz sein. Dann brummt die Wirtschaft Sachsen-Anhalts. Dann gibt’s in jeder Stadt ein Krankenhaus mit Fachärzten, die perfektes Deutsch sprechen und nur darauf warten dich zu behandeln. Alle Theater spielen Goethe, Schiller und Wagner in Dauerschleife. Im Radio läuft nur noch deutschsprachige Musik. Der neue Staatsfunk erzählt uns von früh bis spät, wie toll alles ist. Kriminalität und Drogen gibt es auch nicht mehr. Klimawandel sowieso nicht. Jeder hat einen Job, weil unsere Schüler hochmotiviert und gut ausgebildet die Schule verlassen und nur darauf warten, endlich mit anzupacken. Auch gibt es nur noch heile, funktionierende Familien mit Vater-Mutter-Kind-Kind-Kind. Niemand streitet sich, niemand geht mehr fremd, niemand lässt sich mehr scheiden. Alles für die Reproduktion des Deutschen Volkes. Um Minderheiten müssen wir uns nicht mehr kümmern, weil es sie nicht mehr gibt. Kein nerviges Nachdenken und Diskutieren über die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen, über queere Menschen, über Menschen mit Migrationshintergrund. Endlich Ruhe! Und die Welt wird uns lieben. Bestimmt werden wir die beliebtesten Touristen.


Tut uns leid, liebe Wessis: Jeder will dann Sachsen-Anhaltiner werden.

Leute, wir sind doch nicht blöd!


 
 
 

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