Heimat in der Fremde

Aktualisiert: 13. Aug.

Vom Maulwurf, der nach Zusammenhängen gräbt
Mein Name, Klaus Schorer, bedeutet im Bayrischen, wo ich geboren bin, MAULWURF: der Scharrer, Gräber. Vielleicht versuche ich, um meinem Namen gerecht zu werden, gerne nach Zusammenhängen zu graben und hinter dem Schein das Sein, das Wesen der Dinge zu erfassen. Ich habe Deutsche Sprache, Literatur und Geschichte studiert, bin dann als Lehrer in die Großstadt (W-Berlin) gegangen.
Dort habe ich als Provinz-Ei viel gelernt. Ich habe verschiedenste Lebensformen der Menschen mitbekommen, die sich gegenseitig bereichern können. Z.B. habe ich einige Zeit in einer Wohngemeinschaft gewohnt und kochen, putzen, lachen und streiten geübt. Mit ein paar Freunden habe ich im letzten Teil meines Berufslebens einen Busbetrieb gegründet und ein erfolgreiches Kollektiv aufgebaut.
Diesen ‚Lebenslauf‘ berichte ich hier so ausführlich, damit klar wird, warum ich mich mit der Verrentung nicht an einen bayrischen Bergsee zurückgezogen habe, sondern bei einem ehrenamtlichen Engagement in Berlin verblieb: das PROJEKT ALTERNATIVES LERNEN (PAL e.V.) kümmerte sich um abgestürzte Jugendliche und bot diesen Bleibe und eine Tischlerlehre. Dann, nach der Wende, konnte man mit den Jugendlichen ins Berliner Umland. Ich machte eine Weiterbildung zum Spielleiter für Jugendtheater und suchte ein Haus mit viel Platz für die Gruppen. Ich fand die ALTE MOLKEREI in MOLKENBERG. In diesem Haus hatte die Gemeinde über 30 Jahre lang sozial schwache Familien und Flüchtlinge aus Schlesien oder Ostpreußen untergebracht (Warum tun wir uns heute so schwer, mit Flüchtlingselend angemessen menschlich umzugehen?) Das Haus war zwar eine Ruine, aber ein Glücksfall: das Dorf liegt wie mein etwa (gleich kleiner) Geburtsort auf einem Hügel und an Stelle der Alpenkette ist er von der Havel umflossen. Ich spürte Heimat in der Fremde!
Vom Miteinander – und davon, was es aushalten muss
Ich wurde freundlich aufgenommen. Mit Einheimischen und Zugezogenen ergaben sich gesellige Kontakte. Wir gründeten einen Stammtisch zum wöchentlichen Palaver. Allerdings gab es in den 90er Jahren noch die gefürchteten ‚Glatzen‘, Skinheads aus den Randbezirken Berlins und aus Rathenow. Immer wieder musste ich in Berliner Kitas und Schulen Ängste ausräumen und Lehrer:innen und Erzieher:innen ermutigen, trotzdem (und auch mit kleinen schwarzhäutigen Kindern) zu uns ins Havelland zu kommen, um den Faschos nicht ihre sogenannte ‚befreiten Gebiete‘ zu überlassen. Hoppla – jetzt habe ich gerade gegendert! Weil ich es angemessen und praktisch finde. Darf ich das eigentlich noch oder gehöre ich damit automatisch zum ‚grün-links-versifften Ungeziefer‘, das nach Meinung der Rechtsextremen zerquetscht werden sollte? Darf ich mich als Unterstützer der Grünen outen, ohne dass ein Sturm der Entrüstung mich zusammen mit dem ‚grünen Albtraum Heizungsgesetz‘ hinwegfegt? Im Vergleich zu den 90er Jahren gibt es möglicherweise weniger direkte körperliche Gewalt von rechts, aber der Psychoterror aus den ‚Sozialen Netzwerken‘ kann auch zermürben.
Global denken – lokal handeln!
Ich soll glauben, dass nur der autoritäre Staat und der starke Mann (!) die verzwickten Verhältnisse der kaum noch überschaubaren Welt lösen kann. Dagegen lautet mein Wahlspruch: GLOBAL DENKEN – LOKAL HANDELN! Das hieß z.B. um Druck zu machen für den Bau des Havelradwegs im Land Schollene ins Ministerium nach Magdeburg zu fahren und mit vielen anderen gemeinsam eine große Demonstration dafür anzuleiern. Heute können wir ungefährdet mit dem Fahrrad zum Krämer oder in die Kneipe nach Schollene fahren, eine mögliche Einnahmequelle für die abnehmende Bevölkerung könnte der Rad-Tourismus werden. Mit Hilfe von Freunden und Nachbarn entstand mit der ALTEN MOLKEREI eine kleine Kulturoase mit viel Musik im Elb-Havel-Winkel, ein Spielplatz und ein schönes Volleyballfeld im Park für das ganze Dorf (mit Unterstützung durch die Gemeinde und übrigens auch mit Geldern der EU – ohne die geht gar nichts mehr!). Z.Zt. bauen wir einen soliden Bolzplatz für die Kinder und Jugendlichen des Dorfs. Die Landeszentrale für Politische Bildung (die AFD hat im Wahlproramm ihre Abschaffung angekündigt!) hat das Dorf dabei unterstützt, die Kinderzeichnungen zum ‚SCHATZ VON MOLKENBERG‘ zu sichern und am Fahrradrastplatz auszustellen.
Was wir bewahren sollten
Was das globale Denken betrifft: Demokratische Gesellschaften haben bei funktionierender Gewaltenteilung (die Justiz kontrolliert Gesetzgebung und ausführende Gewalt) und mit Hilfe eingeübter Verfahren zum Ausgleich unterschiedlicher Interessen in der Bevölkerung den schwierigen Prozess der Globalisierung vergleichsweise gut gemeistert. Wir sollten nicht auf die Linie von Präsidialherrschaften (Trump) oder Großkapitalisten (Musk) einschwenken, wie es die AFD tut. Diese Mächte sind kaum noch zu kontrollieren. Unser Land hat 80 Jahre keinen direkten Krieg erlebt. In Deutschland glückte eine Friedliche Revolution. Ich selbst habe seit meiner Geburt von der NSDAP (bis 1949) über SRP, NPD (ab 1964), DVU (ab1971) und die REPs (ab 1983) etliche rechtsextreme, rassistische, homophobe, frauenfeindliche, gewaltverherrlichende und volksverhetzende Parteien überlebt. Aber: „Der Schoß ist fruchtbar noch…“ (Bert Brecht).




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